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Damit medizinischer Fortschritt beim Patienten ankommt: Kultursensible Gesundheitsversorgung

Institut Arbeit und Technik koordiniert EU-Projekt zur Pflegeausbildung

Pressemitteilung vom 10.03.2009
Redaktion: Claudia Braczko

Im deutschen Gesundheitssystem werden Patienten nicht so gut versorgt, wie nach Stand von Wissenschaft und Technik möglich. Die Umsetzung medizinischer Erkenntnisse in die Praxis braucht einerseits Zeit, ein wesentlicher Grund von Unter- und Fehlversorgung aber sind oft kulturelle Unterschiede und soziale Umstände, die bei der Ausbildung des Personals und der Entwicklung von Versorgungsangeboten zu wenig berücksichtigt werden. Das zeigen aktuelle Untersuchungen des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Fachhochschule Gelsenkirchen) zur kultursensiblen Gesundheitsversorgung. Unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit, Patientenpräferenzen und Werte der verschiedenen Zielgruppen müssen bereits bei Planung der Gesundheitsversorgung einbezogen werden, um die Patienten besser zu erreichen. Ansätze hierfür bieten sich u.a. im Rahmen der europäischen Ausbildungsinitiativen, so das IAT.

“Trotz unbestreitbarer medizinischer Fortschritte und des immensen Aufwands für die Forschung stellt sich die Frage, inwieweit diese bei den Menschen auch ausreichend ankommen”, meint der IAT-Gesundheitsökonom Stephan von Bandemer. Wie Beispiele aus der Schlaganfallversorgung zeigen, haben von rund 200.000 Schlaganfallpatienten zwei Drittel zu hohen Blutdruck, jeweils 27 Prozent Diabetes oder Vorhofflimmern und 17 Prozent koronare Herzerkrankungen – alles bekannte Risikofaktoren, die therapiert werden könnten, aber häufig nicht erfolgreich therapiert werden. “Viele Patienten verhalten sich nicht automatisch entsprechend den Anforderungen einer optimalen wissenschaftlich definierten gesundheitlichen Versorgung”.

Oft erschweren kulturbedingte Unterschiede der Werte und Präferenzen die Nutzung von Gesundheitsangeboten. Die wissenschaftlich-technisch definierten Angebote vernachlässigen diese sozio-kulturellen Faktoren vielfach. Besonders deutlich wird dies bei Migranten. In Deutschland haben mittlerweile rund 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Bei dieser Bevölkerungsgruppe zeigt sich im Vergleich zur übrigen Bevölkerung ein deutlich schlechterer Gesundheitszustand; etwa bei Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit von Schulanfängern, Diabetikeranteil, deutlich geringerem Schlaganfallwissen im Vergleich zur deutschen Bevölkerung oder der geringeren Beteiligung an Rehabilitationsmaßnahmen. Sie nehmen seltener an Geburtsvorbereitungen teil, erkennen gesundheitliche Risiken weniger, bewerten die Bedeutung von Bewegung und Ernährung unterschiedlich. “Um mehr “Kunden” der Gesundheitsversorgung zu erreichen, wäre es notwendig, die Angebote – übrigens auch für deutschsprachige Patienten – systematisch auf die sozio-kulturellen Bedürfnisse auszurichten,” rät von Bandemer.

Die Umsetzung in entsprechende Qualifizierungskonzepte für das Gesundheits- und Pflegepersonal wird derzeit im Rahmen eines EU-Projektes auf Basis des ECVET (European Vocational and Educational Training) Systems analysiert. Mit Partnern aus der Bundesrepublik, der Türkei, Rumänien und Polen untersucht das Institut Arbeit und Technik dafür die Pflegeausbildung in den vier Ländern. Wie erste Ergebnisse zeigen, führt die Integration der “Andersartigkeit” in den Pflegeprozess zu einer Reduzierung von Konflikten, Reibungsverlusten und zur Verbesserung der Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit und trägt damit auch zu einer Verbesserung der betriebswirtschaftlichen Ergebnisse bei.

Publikation zum Thema:

Bandemer, Stephan von / Mavis-Richter, Canan
2009: Kultursensible Gesundheitsversorgung. Internet-Dokument.Gelsenkirchen: Inst. Arbeit und Technik. Forschung Aktuell, Nr. 03/2009 PDF

Für weitere Fragen steht Ihnen zur Verfügung:

Stephan von Bandemer