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Innovationskultur im Ruhrgebiet? / Inno-Kultur

Zielsetzung

Im Mittelpunkt dieses Projektes standen Überlegungen zum Einfluss kultureller Elemente auf die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit von Regionen und zu Instrumenten zur Förderung dieser im Rahmen der Strukturpolitik. Konkret sollten in diesem Projekt geklärt werden, inwieweit kulturelle Faktoren für den wirtschaftlichen Strukturwandel im Ruhrgebiet strukturpolitisch nutzbar gemacht werden können.

Hintergrund und Fragestellung

Die Region steht seit einigen Jahren wieder vermehrt im Mittelpunkt der Diskussion, wenn es um Instrumente und Maßnahmen der Wirtschaft- und Strukturpolitik geht. Trotz Globalisierung und Internationalisierung der Märkte und einer damit einhergehenden abnehmenden Bedeutung externer Quellen des Wettbewerbsvorteils hat sich gezeigt, dass nicht alle Regionen die gleichen Voraussetzungen haben, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Disparitäten lassen sich nicht nur auf nationalstaatlicher Ebene feststellen, sondern auch innerstaatlich zeigt sich immer wieder, dass es erfolgreiche und weniger erfolgreiche Regionen gibt – trotz objektiv gleicher Voraussetzungen.

Auch in der wissenschaftlichen Diskussion lassen sich mehrere Erklärungsansätze hierzu finden, so z.B. in der neueren Diskussion der Entwicklungstheorie und in der regionalökonomischen Diskussion insbesondere unter dem Stichwort “cultural turn”.

Ausgehend von der These, dass sowohl übergreifende Werte und Normen einer Gesellschaft als auch regionalspezifische Einstellungen und Gepflogenheiten von Bedeutung sind, stellt sich die Frage nach der Interdependenz dieser Ebenen und nach den regionalspezifischen Unterschieden.

Welche Faktoren sind auf regionaler Ebene innerhalb eines Landes (Deutschland) dafür verantwortlich, dass trotz annähernd gleicher Voraussetzungen (gleiches Werte- und Normensystem, Gesetzgebung, gesamt-wirtschaftliche Rahmenbedingungen, wirtschaftspolitische Instrumente) Regionen unterschiedlich erfolgreich sind?

Gibt es so etwas wie eine ‚Innovationskultur' und wie lässt sie sich festmachen?

Wo sind die zentralen Hebel, an denen eine solche Innovationskultur ansetzt?

Gibt es Instrumente der Strukturpolitik, die förderlich wirken können?

Wie lassen sich innovative Impulse in nicht innovativen Kontexten setzen?

Vorgehen

Die Expertise basiert im Wesentlichen auf vier Projektbausteinen:

  1. Eine vertiefende Literaturrecherche gab Aufschluss über die aktuelle Diskussion um Entwicklungstheorien, innovative Milieus, Kooperationskulturen und Innovationssysteme. Dabei wurden Thesen für die weitere Bearbeitung aufgestellt. Parallel hierzu wurden vorliegende Studien bzw. Aussagen zum Ruhrgebiet zusammenfassend ausgewertet.
  2. In einem zweiten Arbeitsschritt wurden existierende Leitbilder, die hinsichtlich der Fragestellung interessant erschienen, auf ihre Persistenz und Wirkung hin untersucht. Es wurde auch recherchiert, ob und wie sich Wertstrukturen und Symbole auf eine mögliche Innovationskultur auswirken.
  3. Aus der Literatur und aus den Gesprächen mit den Experten wurden internationale “Good practice”-Beispiele ausgewählt, die vertiefend hinsichtlich ihrer Entstehungshintergründe, Hindernisse und Erfolgsfaktoren untersucht wurden.
  4. Die gewonnenen Ergebnisse und aufgestellten Thesen wurden schließlich mit den Ergebnissen der “Good practice” Untersuchung zusammengeführt. Es wurden Thesen zu Anknüpfungspunkten und Instrumenten zur Förderung einer “Innovationskultur” aufgestellt, die auf vier Ebenen diskutiert wurden:
    • Infrastruktureller Rahmen
    • Leitbilder, Leitpersonen oder Symbole
    • Spezifische Programme oder Maßnahmen
    • Landesprogramme

Ergebnisse

Da es sich bei “Kultur” um ein sehr diffuses Konzept handelt, wurde bereits zu Beginn des Projektes die Fragestellung in dreierlei Hinsicht konkretisiert:

  • Wie können Kulturen im Sinne von Mentalitäten, Werten, Normen beeinflusst werden, damit innovationsfreundliche Aspekte (Kreativität, Risikofreundlichkeit, Gründungsbereitschaft oder Entrepreneurship) entwickelt werden?
  • Was sind kulturelle Besonderheiten des Ruhrgebiets, wie lassen sich diese stärken und für Innovationen nutzbar machen?
  • Wie lassen sich urbane Kerne vor allem im kulturwirtschaftlichen Bereich entwickeln, die auf die regionale Kultur insgesamt ausstrahlen?

Grundlegend für die Studie war ein dynamischer Kulturbegriff: Kultur verändert sich, immer auch in Auseinanderssetzung mit anderen Kulturen, ist immer wieder mit Konflikten verbunden. Diese Veränderungen zeigen sich auch am Beispiel des Ruhrgebiets: Mentalitäten, die einst erfolgreich für die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen waren (z.B. wirtschaftliche Strategien der Massenproduktion und der stofflichen Verbundwirtschaft), müssen sich heute fragen lassen, ob sie noch angemessen sind auf dem Weg in eine wirtschaftlich erfolgreiche und gesellschaftlich attraktive Zukunft.

Kultureller Wandel kann nur dann erfolgreich sein, wenn er von den Menschen selbst getragen wird, er kann nicht von Außen (etwa durch Ansiedlungen oder Subventionen) kommen. Die Voraussetzungen hierfür sind im Ruhrgebiet gegeben: die Mentalitäten haben sich mittlerweile stark ausdifferenziert. Die Region hat im Verlauf des Strukturwandels neue Unternehmen und Branchen jenseits der Massenproduktion hervorgebracht hat. Hier finden sich Menschen, etwa Künstler und Unternehmer, die neue Wege gehen und sich etwa auch bildungspolitisch engagieren: In den vergangenen Jahren wurde eine Vielzahl städtebaulicher oder kulturpolitischer Impulse gegeben. Kultureller Wandel, also die Veränderung von Mentalitäten sollte darin bestehen, diese neue Impulse und Akteure zu unterstützen, ihre Aktivitäten sichtbar zu machen und zu kommunizieren, ihnen Raum zu geben, sich weiter zu entfalten.

Kultureller Wandel ist mehr als der Bau und das Betreiben von Museen oder Theatern. Dies ist eine Basisaufgabe für die Lebensqualität einer jeden Stadt oder Region, nicht Aufgabe der Strukturpolitik. Wie kultureller Wandel initiiert und unterstützt werden kann, darüber besteht theoretisch und empirisch weiterhin große Unsicherheit. Theoretisch ist festzustellen, dass die direkte (Wirtschaftsfaktor) und indirekte (Mentalitäten, die Kreativität und Innovationsbereitschaft unterstützen) wirtschaftliche Bedeutung von Kultur mittlerweile anerkannt ist, dass aber angesichts der immer wieder vorhandenen disziplinären Verengungen die konkreten Prozesse des Zusammenwirkens und der Veränderung bisher nicht erfasst wurden. Die sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Ansätze nehmen kulturwissenschaftliche Erkenntnisse kaum wahr, die kulturwissenschaftlichen Studien zeigen (nicht zu Unrecht) eine Skepsis gegen eine vereinfachte Interpretation und Vereinnahmung.

Von daher ist es nicht mehr überraschend, dass es an nutzbarem Gestaltungswissen bezogen auf die Frage nach der Veränderung von Mentalitäten als wesentlichen Faktor des Strukturwandels fehlt. Die Analyse von Leitbildern zeigt, dass das Thema kultureller Wandel bzw. Mentalitäten zwar auf der Tagesordnung steht, dass Kultur und Wirtschaft aber so gut wie nie in ihrem Zusammenwirken gedacht wird. Die Fallstudien über Städte und Regionen zeigen ein differenziertes Bild: Städte mit einem ausgeprägtem kulturellen Image und einer entsprechenden Tradition wie Wien oder Basel zeigen, dass selbst hier es schwierig ist, den gesellschaftlichen Nutzen von Kultur zu vermitteln oder das kulturelle Potenzial wirtschaftlich nutzbar zu machen. Eine Stadt wie Barcelona zeigt, welcher Aufwand und fortwährender Wandel notwendig ist, um sich immer wieder weiter zu entwickeln. Und Städte wie Rotterdam und vor allem NewcastleGateshaed zeigen, dass auch der Zeitpunkt kommt, zu dem ein Bruch notwendig und möglich ist, um eine neue Perspektive zu entwickeln, die auch von den Menschen vor Ort angenommen und getragen wird.

Wichtig ist, dass eine derartige Neuorientierung nicht an abstrakten Normen orientiert ist, sondern immer auch nach dem Besonderen der Stadt oder Region fragt: an dieser Balance zwischen Brüchen und Weiterentwicklung des Bewährten kommt keine Überlegung zum Strukturwandel vorbei. Der Vergleich des Ruhrgebiets mit anderen Städten und Regionen lässt bei den Verfassern dieser Studie den Eindruck entstehen, dass das Ruhrgebiet durchaus erfolgreich aus bestehenden wirtschaftlichen Kompetenzen und Industrieflächen neue Impulse gewonnen hat, dass es aber immer dringender an Aktivitäten und Symbolen fehlt, die den Bruch wagen, die für eine neue Zukunft stehen.

Mit der erfolgreichen Bewerbung zur Kulturhauptstadt hat das Ruhrgebiet gerade jetzt, wo das gesellschaftliche und wirtschaftliche Potenzial von Kultur bewusst wird, eine große Chance, neue Wege nicht nur einzuschlagen, sondern – und dies ist die größere Herausforderung wie Erfahrungen mit anderen europäischen Kulturhauptstädten zeigen – auf eine dauerhafte Basis zu stellen, also auch nach 2010 weiter zu verfolgen. Für den langfristigen Erfolg der Aktivitäten im Umfeld der Kulturhauptstadt für die Entwicklung des Ruhrgebiets selbst wird nicht die Zahl der Besucher oder der Events entscheidend sein, sondern die Frage, welche Orientierungen und Symbole für die Zukunft der Region gegeben werden, wie die strittigen Fragen, gerade die mit Brüchen verbundenen Konflikte über Lebensentwürfe, Arbeitsmodelle oder urbane Qualitäten einer Metropole Ruhrgebiet offen diskutiert werden, wie Raum für neue, junge, oft sperrige kulturelle Aktivitäten gegeben wird.

Grundlegend ist zunächst die Überlegung, dass kulturelle und soziale Eigeninitiativen im Mittelpunkt weiterer Anstrengungen stehen sollten, dass eine Strukturpolitik, die auf eine Änderung von Mentalitäten abzielt, auch keinesfalls Defizite der kommunalen und regionalen kulturpolitischen Aktivitäten kompensieren sollte. Eine wichtige, mit Instrumenten schwer zu fassende Aufgabe dürfte darin bestehen, dass in der Politik seitens der strukturpolitisch Verantwortlichen (dies schließt auch die Entscheidungsträger und Multiplikatoren in der Region ein) selbst ein Mentalitätswandel stattfindet: Raum geben für neue Aktivitäten und Einstellungen, Konflikte zulassen und aushalten, Brüche ermöglichen. Nicht die bisherigen Mentalitäten “umerziehen”, sondern neue, innovative und kreative Aktivitäten, Einstellungen oder Symbole zu unterstützen, verspricht Erfolg.

Themen und Handlungsfelder ergeben sich aus den gesellschaftlichen Herausforderungen wie auch aus den Beispielen anderer Städte oder Regionen: die zentrale Rolle von Bildung, die spezifischen Voraussetzungen im Ruhrgebiet für Gründungen, die demographische Entwicklung als Zusammenspiel von alt und jung, neue Arbeitsformen und Lebensmodelle, das produktive Zusammenspiel der im Ruhrgebiet vorhandenen unterschiedlichen Kulturen in innovativen Räumen. Nicht zuletzt sind konkrete Maßnahmen im Rahmen der anstehenden neuen strukturpolitischen Schwerpunkte, vor allem im Rahmen der Stadtentwicklung sinnvoll: die Nutzung der Foren im Umfeld der europäischen Kulturhauptstadt, um die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur bewusst und sichtbar zu machen, die Unterstützung der Entwicklung von Kernen der Kreativwirtschaft gerade auch in Stadtteilen mit besonderen Entwicklungsproblemen, die Verbindung oder Bündelung isolierter kreativer Kerne, um sie stark genug zu machen, auch weiter auszustrahlen, die Nutzung von Räumen für Experimente, wobei gerade auch Zwischennutzungskonzepte immer wichtiger werden.