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Bildungsbeteiligung im Ruhrgebiet / BIR

Ziel und Aufgabenstellung

Spätestens seit den ernüchternden Ergebnissen aus der PISA-Studie ist das deutsche Bildungssystem unter einen erheblichen Handlungsdruck geraten. Das ursprüngliche “Land der Dichter und Denker” ist aus dem bildungspolitischen Dornröschenschlaf erwacht und reibt sich erschrocken die Augen. Dieses “politische Erwachen” sollte genutzt werden, um nachhaltige Verbesserungen im Bildungswesen zu erzielen. Die Projekt Ruhr GmbH hat im Rahmen ihrer Projektlinie “Lernallianz Ruhr” die Analyse der “Bildungsbeteiligung im Ruhrgebiet” in Auftrag gegeben, um die Schwerpunkte und Gestaltungsaufgaben für eine offensive Qualifizierungs- und Modernisierungspolitik für das Ruhrgebiet aufzuzeigen. Mit dem Ziel einer breit angelegten Analyse des Bildungsbereichs – vom Kindergarten bis zur beruflichen Weiterbildung – wurde ein Forschungsverbund, bestehend aus der Ruhr-Universität Bochum (Prof. Dr. Harney und Team), der Universität Duisburg-Essen (Prof. Dr. Dobischat / Dr. Roß und Team) und dem Institut Arbeit und Technik im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen (PD Dr. Hilbert / Dr. Knuth und Team) initiiert.

Vorgehen

Die Studie beginnt mit einem Überblick über die demografische Entwicklung des Ruhrgebiets, der gewissermaßen die Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Bildungsgeschehens erläutert. Daraufhin erfolgt die Analyse der einzelnen Bildungssegmente. Zunächst wird der Elementarbereich untersucht. Anschließend werden die Schulabschlussentwicklungen in den allgemein bildenden Schulen dargestellt. Dem Bereich der Berufsbildung sind insgesamt drei Analysen gewidmet. Eine setzt sich mit der beruflichen Erstausbildung in den Betrieben und den Berufskollegs auseinander, eine zweite gibt einen Überblick über die verschiedenen Facetten der Weiterbildung aus Perspektive der Bildungsträger und eine dritte analysiert die Datenquellen des Mikrozensus sowie eine einschlägige gemeinsame Erhebung des BiBB und des IAB aus Sicht der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer, die hier erstmals ruhrgebietsspezifisch ausgewertet wurden.

Ausgewählte Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass das Schulabschlussniveau im Ruhrgebiet nicht niedriger ist als in anderen Regionen Nordrhein-Westfalens bzw. Deutschlands; die großen Unterschiede liegen intraregional auf kommunaler und sogar auf Stadtteil-Ebene. Insbesondere in “schwierigen” Stadtteilen haben Kinder und Jugendliche weniger Chancen auf eine erfolgreiche Bildungskarriere: Arbeitslosigkeit, Armut, Sprachbarrieren und fehlende zivilgesellschaftliche Strukturen tragen dazu bei, dass sie nicht mehr die erforderlichen sprachlichen, sozialen und motivationalen Voraussetzungen für einen gelingenden Bildungseinstieg haben. Die Studie weist nach, dass die derzeitigen Regelinstitutionen und Unterstützungsangebote nicht mehr ausreichen, um Chancengleichheit in allen Stadtteilen herzustellen. Die vehementeste Forderung der Autorinnen und Autoren ist deshalb die Debatte um eine “Neue Kompensatorik”, die ungleiche Lebensbedingungen nicht länger gleich behandelt. Ressourcen des Bildungssystems, Förderprogramme und Projekte müssen vielmehr gezielt in diese Stadtteile umverteilt werden, um die Benachteiligung der dortigen Bevölkerung in den anschließenden Bildungssegmenten der Aus- und Weiterbildung nicht weiter zu zementieren. Dabei zeigte sich, dass das spezifische Ausbildungsplatzangebot für schulschwache Jugendlich überproportional, insbesondere in den Ausbildungssektoren des Handwerks sowie der Industrie, im Ruhrgebiet gesunken ist. Wesentliches Resultat aus Perspektive der Weiterbildungsbeteiligung ist die Feststellung, dass die Teilnahme der Erwerbstätigen an beruflicher Weiterbildung im Ruhrgebiet geringer als in Nordrhein-Westfalen ausgeprägt ist, weil in den Unternehmen der Region die betrieblichen Arbeitsanforderungen weniger kreativ und lernförderlich gestaltet sind.